Gottesdienst Predigt 18.11.2018

Predigt zum Volkstrauertag  - Pastor Henning Hinrichs


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
am 9. November, es war der Tag, der so schicksalshaft mit der jüngeren deutschen Geschichte verbunden ist, an diesem Freitag fand hier in der Kirche ein Schulgottesdienst mit der Grundschule statt. Wir wechseln das Thema von Jahr zu Jahr, mal geht es um Erntedank, mal um den Reformationstag und in diesem Jahr nun um Martin von Tours, den heiligen Martin.
Und das passte ausgesprochen gut in diesen Tagen in diesem Jahr. Nun ist der eigentliche Martinstag ja der 11.11., diesmal ein Sonntag, also keine Schule, aber der Tag, an dem Tag vor 100 Jahren zugleich das Ende des 1. Weltkrieges war. Aber auch der Ausweichtermin am 9.1.1. passte diesmal wirklich gut. Man merkt plötzlich dass die Geschichten, die wir seit vielen Jahren kennen, in unsere Wirklichkeit hereinsprechen, uns berühren, und dass sie deshalb immer wieder erzählt werden.
Die Geschichte von Martin ist zuallererst eine Bekehrungsgeschichte. Im Traum begegnet ihm Jesus Christus und spricht zu ihm. Daraufhin lässt sich der Römer Martinus zum Christen Martin taufen und hängt seinen alten Beruf an den Nagel und wird Mönch, später sogar Bischof.
Dann ist sie aber auch eine sogenannte Beispielgeschichte. Eine Geschichte, die einem zeigen soll, wie christliches Handeln aussieht. So wie Martin dem Bettler die Hälfte seines Mantel schenkt, ohne dafür Dank oder Anerkennung zu erwarten, so sollen es Christen auch tun, sie sollen Nächstenliebe üben, aus freien Stücken und absichtslos, damit es nicht nur Ihnen, sondern auch anderen gut geht.
Jesus Worte im Traum entstammen der heutigen Lesung: „Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast, das hast du mir getan.“ Der Dienst am Nächsten ist genau genommen also Dienst an Jesus Christus, ist Gottesdienst.
Und schließlich ist die Geschichte vom heilige Martin eben doch auch eine Anti-Kriegs-Geschichte, die Geschichte des 11. November. Denn Martin ist vorher ein angesehner römischer Soldat. Er gibt bewusst das Kriegshandwerk auf, um anders zu handeln.
Die Geschichte Martins wurde von einigen Schülern vorgespielt. Martin war zunächst in dem Stück ein glühender Krieger, der die Barbaren mit gezogenem Schwert und weit vor seinen Soldaten reitend besiegen wollte. Aber im Tumult des Krieges waren es die Bilder von toten Leibern, abgeschlagenen Gliedmaßen, von Hass, Angst und Trostlosigkeit in den Augen der Soldaten auf beiden Seiten, die ihn bedrückten, ohne dass er gewusst hätte, was daraus für ihn folgen würde.
Als Jesus ihm dann im Traum begegnet, mit diesen Worten „Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast, das hast du mir getan.“ - da konnte Martin das nicht nur positiv auf den Bettler beziehen, er musste es auch auf die Soldaten beziehen, selbst auf die Barbaren, die er selbst mit dem Schwert getötet hatte, aus römischer Sicht aus gutem Grund – aber hatte der Grund jetzt noch Gültigkeit?
Es ist leicht, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Von den Kanzeln ist immer schon beides erfolgt, je nach dem, was der Zeitgeist eben verlangte. Es sind Kanonen gesegnet wie auch Soldaten zu Mördern abgestempelt worden. Und beides war falsch.
Es war spannend zu sehen, wie die Grundschüler mit der Frage gerungen haben, was besser ist: dass Martin Soldat war oder Mönch wurde. Als die Schüler mit gezogenem Schwert und schreiend durch die Kirche liefen, hatte das eine Faszination. Wie viele Soldaten sind so in den Krieg gezogen! Für das Gute, für Heldentum, im Glauben, das Richtige zu tun!
Es war Martins Vater, der in seinem Sohn die Begeisterung für den Soldatenberuf in seinem Sohn geweckt hatte. Nach Martins Bekehrung trafen sie sich wieder, wollten, mussten sich aussprechen, und es war klar, dass es auf diese Frage – was ist besser? - keine einfache, vielleicht gar keine Antwort geben würde.
Vorher schon hatte Martin als römischer Hauptmann seinen Soldaten immer wider eingetrichtert, dass letztlich die Aufgabe des Soldaten sei, für die Menschen da zu sein, zu helfen, zu schützen, für andere einzutreten. Aber dieses Ideal war Martin abhanden gekommen. Martins Vater nicht, er konnte Martins Abkehr von diesem Ideal nicht verstehen.
Am 11.11.1918 endete der 1. Weltkrieg. Dieser Krieg hatte schon längst jedes Idealbild verschüttet, millionenfach Leid und Tod gebracht und vor Augen geführt, warum Martin seine Waffen aus der Hand legen musste.
Im Spiel der Kinder war auch das zu spüren, in der versöhnenden Umarmung zwischen Vater und Sohn am Ende, dem Soldaten zu dem Mönch, die den Weg des anderen nicht gehen konnten, war zu spüren, worauf es letztlich ankommt.
„Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast, das hast du mir getan.“
In der Lesung wissen die Angesprochen nicht, was sie Jesus getan haben sollen, weder im Schlechten noch im Guten, sie führen ja nur ihr kleines, einfaches Leben. Aber er verweist sie auf ihr Leben, auf ihren Umgang mitessender. Euer Leben hat eine höhere Dimension. Es ist immer mehr als nur euer Leben. „Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast, das hast du mir getan.“
Es geht immer wieder um dieses Ringen: Was ist der richtige Weg? Und für Christen mit dieser zusätzlichen, dieser gottesbezogenen Friedensmotivation: mein Leben ist Gottesdienst. Es geht um das Versöhnen des Soldaten mit dem Mönch in mir. Was ist der richtige Weg?
Martin hat seine Zeit als Soldaten nie vergessen. Diese Erinnerung war ihm ein Stachel im Fleisch, der sich bemerkbar machte, wenn er vom Weg abzuweichen drohte.
In einem Dokumentarfilm des Amerikaners Michael Moore bereist er Europa um festzustellen, was den Amerikanern fehlt. In Deutschland beeindruckt ihn, wie wir uns gerade auch der dunklen Seiten unserer Geschichte immer wieder erinnern und stellen können, er erlebt das als Schatz, weil nur dieser ungeschönte und bleibende Blick zu Frieden und Versöhnung führt, etwas, das es in de USA so nicht gibt.
Das Erinnern des Dunklen führt ins Licht. Vergessen wir das niemals.
Amen.

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