Gottesdienst Predigt 23.12.2018

Predigt zu Lukas 1, 39 – 56 – Pastor Henning Hinrichs

 

 

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

2018 ist wieder so ein Jahr, in dem die Bürger mit ihrer eigenen, persönlichen Situation im Großen und Ganzen recht zufrieden sind, die politische und soziale Lage im Lande aber als sehr schlecht eingeschätzt haben. Da ist der Blick auf die Rentenversicherung, die droht, angesichts des demographischen Wandels zusammenzubrechen, ohne dass Konzepte vorliegen. Da sind Steuermehreinnahmen im zweistelligen Milliardenbereich und auf der anderen Seite kaum wahrnehmbare Entlastungen oder Erhöhungen von Lohn und Rente etwa, stattdessen Nullzinsen seit Jahren für Sparer, deren Geld dadurch immer weniger wert ist. Überhaupt werden die Steuergesetze immer undurchsichtiger. Parteiengezänk um Koalitionen, die möglich oder unmöglich sind, um Nationalismus und immer wieder um Flüchtlinge, die anscheinend für alles herhalten müssen, vermutlich auch dafür, dass die Bundesbahn so marode und unpünktlich ist, von der Bundeswehr ganz zu schweigen. Es wird so viel geredet, aber nichts verändert sich spürbar. Im Bundestag findet mehr Wahlkampf als Politik statt. Drohungen mit Terroranschlägen überschatten wieder den Alltag. Und im Ausland sieht es ja noch viel schlimmer aus. Da sagen Namen schon genug: Israel und die Palästinenser, Irak, Afghanistan, Nordkorea, Jemen, Brasilien und und und.... und natürlich die USA.

Und dann dieses Lied voller Freude und Begeisterung, das der Evangelist Lukas Maria singen lässt! Wir haben es gemeinsam gesprochen zu Beginn: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes. Die politischen und sozialen Verhältnisse im damaligen Palästina waren keineswegs gut, warum also Freudenlieder singen?

Herodes der Große herrschte über das Land mit harter und skrupelloser Hand und räumte alles aus dem Weg, was ihm gefährlich werden konnte. Dann waren da die Römer. Brutal griffen sie durch, wenn es jemand wagte, gegen sie aufzubegehren. Hinzu kamen Armut und Hungersnöte, Reiche, die immer reicher wurden, betrügerische Zollpächter und ausbeuterische Großgrundbesitzer. Wie kann da eine junge Frau, die zudem noch aus einfachsten Verhältnissen stammte, solch ein Lied singen?

Ein Lied wie ein Psalm aus dem Alten Testament, eigentlich zu komplizieret und zu kunstvoll, um es mal eben so zu singen wie Maria. So haben wir es ja auch gesprochen, wie einen und anstelle eines Psalms in den übrigen Gottesdiensten. Dieses Lied passt schon zu Maria. Ihre eigene, persönliche Situation hatte sich ja verändert. Überraschend, aber doch glücklich ist sie schwanger geworden. Sie dankt und preist Gott, den Herrn und Retter, dafür, dass er sich ihrer, dieser einfachen Frau, angenommen hat, dass er sie segnet mit dieser Geburt. Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.

Aber welche Schwangere würde sagen, dass alle kommenden Generationen und Völker sie glücklich preisen würden wegen ihrer Geburt? Als wüsste sie in diesem Moment viel mehr. Sie sieht, dass diese Geburt irgendwie groß ist, irgendwie über sie als Mutter hinausweist, so als wenn sie schon genau weiß, was kommen wird und dass alles auch Schwere dieser Zeit, alles Schwere, das ihr Sohn erleiden wird, letztlich zu etwas Großartigem führen werden.

Die Evangelien sind alle aus der Passionsgeschichte heraus, dem Leiden Christi, entwickelt worden. Das ist der Textbestand, den alle Christen teils wörtlich kannten. Die Auferstehungsgeschichten sind dann von Evangelist zu Evangelist sehr verschieden, und doch ist nur aus diesem Zusammenspiel von Tod und Auferstehung zu erklären, warum das Christentum überhaupt entstanden ist. Deshalb: schon hier gleich zu Beginn wird klar: es geht um viel mehr als um dieses irdische Leben, dieses Lieben und Leiden. Mehr als um persönliche Befindlichkeiten. Es geht um einen Neubeginn von allem! Um eine Umwälzung, die sich politisch, sozial, international ereignet. Es geht um mehr als um mich! Es geht auch nicht mehr um die Geburt, nicht mehr um eine einfache Frau, sondern um Revolution, eine völlige Umwälzung der bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse.

Deshalb hat das Lied eine zweite Strophe. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Luther wählt bei seiner Übersetzung das Präsens, die Gegenwartsform. Als würde immer schon gleich, gerade jetzt schon eingetreten, was eigentlich erst zukünftige Hoffnung sein kann, weil es ja noch nicht eingetreten ist: Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Wenn ich das höre, habe ich sofort Bilder vor Augen von Gewalttätigen aus meiner Zeit, von Niedrigen, Hungrigen von Reichen, wie ich sie hier erlebe. Von Gegensätzen, die so nicht gerecht sind. Und ich merke ziemlich deutlich, dass das, was da gerade passiert in der Welt, dass Reiche immer reicher werden und Arme immer ärmer, dass das - gemessen an der Ordnung Gottes – nicht richtig ist. Wenn Menschen an dem vorbei leben, wofür dieses Kind, das Weihnachten geboren wird, steht, dann ist das das Gegenteil von allem, was Gott sich gedacht hat. Was Gottes Ordnung ist?

In beiden Strophen gibt es einen Begriff, der Privates, Öffentliches, der überhaupt die Welt aus Gottes Sicht zusammenhält: Barmherzigkeit. Gott ist barmherzig. Barmherzigkeit gilt als eine der Haupttugenden und wichtigsten Pflichten der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam, Bahai sowie anderer Religionen wie Buddhismus und Hinduismus. Barmherzigkeit. Eine barmherzige Person öffnet ihr großes Herz fremder Not und nimmt sich ihrer an, hilft und unterstützt, verändert Lebensbedingungen für ein gerechtes und würdiges Leben - nicht unbedingt aus Mitleid, sondern weil sie großherzig ist. Weil sie Gutes für alle will. Wo das nicht vorliegt, lebt jemand an Gott vorbei. Veränderung der Welt zum Guten hin.

Bankenkrise: es wird aufgefangen, aus Steuergeldern finanziert, Regeln eingeführt und wieder zurückgenommen. Es könnte ja die Wirtschaft hemmen. Klimaschutz: es wird geredet, versprochen und gebrochen oder ignoriert. Es könnte ja Arbeitsplätze kosten. Dieselskandal: Gesundsheitsschäden in Großstädten, Dieselwerte, Betrug, Beschwichtigungen, lieber neue Autos kaufen. Es könnte ja die Wirtschaft hemmen und Arbeitsplätze kosten. Veränderung der Welt zum Guten hin? Danke, nein. Die Wirtschaft, also die Aktien, Gewinnsauschüttungen, die …na, Sie wissen schon, es geht nicht. Geld regiert die Welt.

Gott setzt dem ein Ende.

Gott setzt dem ein Ende?

Die Revolution, die Umkehr der Werte, von der Marias Lied singt, hat offenbar nicht oder zumindest noch nicht stattgefunden. Passt das Präsens, das Luther wählt? Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Wo sind bei uns, wo die Reichen immer reicher werden, je die Reichen leer davon geschickt worden? Schon Martin Luther sagte, dass es weitaus schwieriger sei, "in Reichtum und großen Ehren oder Gewalt Maß zuhalten als in Armut, Schanden und Schwachheit" (Das Magnificat, verdeutscht und ausgelegt, 1521). Wo sind Niedrige erhöht und Herrscher vom Thron gestoßen worden – jedenfalls so, dass daraus ein Friedensreich entstand?

Nein, die vollendete Zukunft, von der Maria als Gegenwart singt, ist noch nicht eingetreten. Es sieht aus, als sei alles noch beim Alten geblieben. Es gibt schon erste Stimmen, die meinen, alle Maßnahmen gegen den Klimawandel seien eh zu spät, sinnlos. In der kleinen Andacht der LZ hat ein Kollege neulich sogar geschrieben: „Es hätte etwas Befreiendes, wenn Gott höchstpersönlich der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ein vorzeitiges Ende setzen würde.“ Bitter, wenn selbst Pastoren die Zerstörung der Welt durch Gott herbeisehnen….

O.k., nicht alle. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, hat mal ein anderer Pastor gesagt, er heißt Martin Luther. Mit ihm möchte ich von der Hoffnung leben. Denn in der kommenden Königsherrschaft Gottes werden alle bisherigen Maßstäbe zerbrochen und alle bisherigen Werte entwertet, damit die Welt erhalten bleibt, ein Platz zum Leben und Lieben.

Woher ich das weiß? Aus diesem Lied. Denn Maria singt von der Zukunft, als sei sie schon gegenwärtig. Das ist ihr Glaube, ihr Vertrauen: Singen können von der Zukunft als Gegenwart. Vertrauen und Weitermachen, auch wenn noch nichts zu sehen ist. Sie kann es, weil sie an sich selbst erfahren hat, dass Gott Großes an ihr getan hat. Darum vertraut sie darauf, dass auch eintreten und vollendet werden wird, was Gott für die Welt zusagt. Der Barmherzigkeit lebt, wächst in ihr heran. Der Liebe lebt, Hoffnung, der ist ganz spürbar da. Sie spürt es unter ihrem Herzen. Weil Gott in tiefster Nacht erschienen ist, kann diese Welt nicht verloren sein. Und so verbirgt sich der Beginn der Vollendung unter der Freude einer werdenden Mutter, die Gott für das dankt, was er in ihrem Schoß gewirkt hat. So sagt es der Evangelist Lukas. Und er wusste schon viel mehr, als Maria wissen konnte. Er konnte schon erleben, wie sich Jesu Botschaft, trotz seines Todes, trotz unterschiedlichster Auferstehungserzählungen ausbreitetet.

Erwartungen sind mit der Ankunft des Erwarteten eingetroffen - freilich anders, ganz anders als erwartet. Denn mit der Geburt des Kindes, das Maria unter ihrem Herzen trägt und auf dessen Erscheinen wir im Advent warten, hat die Umkehr der Werte als entscheidende Tat Gottes begonnen. Die Taten, die auf diese Tat folgen, sind vielfältig von Zustimmung bis zu Verweigerung. Aber die Hoffnung ist Mensch geworden. Sie ist da. Sie kann gelebt werden und durch das Leben tragen. Advent – das ist nicht nur Warten, es ist auch Zeit zu jubeln und sich mit dieser jungen Frau über die anstehende Geburt zu freuen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft, bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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